algerien

Nach kurzem Wäschewaschen in Berlin geht es dann direkt weiter nach Algerien: Ein Kontrast, der härter nicht sein könnte.

Nachdem das Land seit dem Unabhängigkeitskrieg mit Frankreich stetig mit Unruhe zu kämpfen hatte, gipfelten diese nach dem Verbot der Islamischen Heilsfront 1992 in die sogenannten Terrorjahre die bis in die ersten Hälfte der 2000er reichte. Al Quaida stieg mit ein und es wurde über 10 Jahre gebombt und ein Großteil der Intelligenz des Landes vertrieben oder umgebracht. Der heutige Zustand des Landes ist erschreckend: In der Hauptstadt Algier sind alle Hundert Meter Polizeicheckpoints. Das Land wird streng und religiös motiviert regiert. Die Bürgersteige werden um 21h hochgeklappt und nach Sonnenuntergang sieht man keine Frau mehr auf der Strasse, Alkohol gibt es sogut wie nirgens. Kultur und Konzerte finden wenig statt und sind wohl auch nicht wirklich erwünscht. Ein quer duch die Bevölkerung gehendes Spitzelsystem hält die Ohren immer offen.

Gemeinsam mit unserem VJ Invertierpark sind wir für zwei Auftritte und einen Workshop eingeladen.Während Invertierpark einige interessierte in die Kunst des Video Jockens einführt, arbeiten wir mit dem einheimischen Musikern der Oriental Jazzband Madar an gemeinsamen Stücken für unseren Auftritt in Algier.Und obwohl wir uns zunächst noch fragen, was wir in Algerien sollen hat sich die Reise schon allein für diese Zusammenarbeit gelohnt. Beide Konzerte in Algier und Tlemcen sind in sogenannten Kulturhäusern. Unser erstes Konzert ist in Tlemcen, einer beschaulichen Stadt an der Grenze zu Marroko. Die offizielle Erlaubnis hier aufzutreten kommt erst zwei Tage vorher, als wir schon in Algier sind.

Wie für Ausländer vorgeschrieben, werden wir mit Polizeiescorte vom Flughafen eingesammelt und von da an, bis zu unserer Rückreise nach Algier gewissenhaft mit Blaulicht begleitet. Es wird gemunkelt, daß die Begleitung nicht nur die Ausländer vor den Terroristen, sondern auch die Bevölkerung vor den Ausländern schützen soll. Punkt 18h beginnt das Konzert, das für die Dauer eine Stunde fünfzehn Minuten genehmigt wurde. Das Publikum besteht vorwiegend aus halbwüchsigen Jungs. Auf Nachfrage heisst es, daß 18h für die meisten Frauen zu spät ist und sie schon zu Hause seien. Ein örtlicher Dj macht den Anfang und heizt mit White Stripes vor. Interessant ist, daß das Publikum vom ersten Moment an schier ausflippt. Es ist wohl auch eine der wenigen Gelegenheiten für sie.
Nach 20min geht das Licht an und die Musik aus: Das Publikum soll sich ein wenig beruhigen, bevor wir anfangen, heisst es. Als wir die Zeit überziehen und das Publikum zum letzten Stück auf die Bühne rufen, droht die Leitung damit das Konzert abzubrechen. Sie läßt sich aber doch beschwichtigen.

Highlight unseres Aufenthalts in Tlemcen ist der deutschsprechende “Hadschi” (Nach Mekka gepilgerte) Professor, der uns den Tag über begleitet. Ein liebenswürdiger, charmanter älterer Herr, mit einem faible für moderne Elektronik. Die HDV Aufnahmen unseres Konzertes, die er mit seiner Handycam macht, verspricht er bald auf Youtube hochzuladen. Während die Konzerte angenehm früh sind, klingelt der Wecker die gesamte Zeit über unangenehm früh. Zum dritten Mal in Folge müssen wir gegen 5h früh aufstehen.Diesmal um mit dem Bus zum Flughafen ins zwei Stunden entfernte Oran gebracht zu werden. Wie schon erwartet ist der Flug erstmal verspätet und wie bereits im Vorfeld von Mehdi unserem stets gutgelaunten Begleiter angekündigt, kann niemand vom Flughafenpersonal sagen, ob es eine Stunde oder sieben Stunden dauert. “Inshalla”, “So Gott will” heisst hier das Lebensmotto. Glücklicherweise kommen wir mit eineinhalb Stunden warten zu Rande, bevor wir nach unzähligen Sicherheitschecks endlich im Flugzeug sitzen. Drei der Checks sind allein auf dem Weg vom Bus übers Rollfeld zum Flieger. Sicher scheinen sie dennoch nicht.
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Zurück in Algier bleibt gerade noch Zeit kurz unserem Hotel El-Aurassi zu duschen und etwas zu essen. Das Hotel, im Volksmund wegen seiner Form auch Kilmaanlage genannt, beinhaltet eine gigantische, eigenwillige und skurrile Innenarchitektur, die in ihrer sozialistischen Pracht an den Palast der Repulik erinnert. Mein Tip an die Leute vom Film: Hier solltet ihr drehen. James Bond oder Shining, hier ist alles drin!

Der Auftritt schliesslich findet in einem Einkaufzentrum zwischen Kriegsmuseum und Unabhängikeitsdenkmal statt. Geschäfte gibt es dort zwar, Kunden allerdings sehr vereinzelt. Da wir in jeden Tag mit dem Bus in das Einkaufszentrum gefahren werden, um dort mit Madar zu proben, fühlen wir uns passend zum 20. Mauerfall-Jubiläum, welches über die Fernseher flimmert, sehr DDR-mässig.
Apropos DDR: Einen sehr spannenden Vortrag der Berliner Typographin Verena Gerlach, die zeitgleich in Algier konnten wir noch beiwohnen. Thema waren ua. die alten Haus und Strassenbeschriftungen und Schriften, die man in Ostberlin nach dem Mauerfall noch so konserviert Bestaunen konnte.Ein Blick auf ihre Homepage lohnt sich: www.fraugerlach.de Der Saal ist wieder ein Mehrzwecksaal, für Theater, Kino und Konzerte. Technisch 1A ausgestattet und auch die algerische Fahne am Bühnenrand hat nicht gefehlt. Das Konzert mit Madar schliesslich ist super und unser auf eine gute Stunde angelegtes Liveset wird spontan auf zweieinhalb Stunden ausgedehnt. Das Publikum ist zahlreich und trotz Bestuhlung wird auch in Algier begeistert getanzt. Auch hier gibt es im Hintergrund harte Diskussionen mit dem Leiter wegen unserer Zeitüberziehung. Im Anschluss lassen wir uns bereitwillig der Reihe nach mit dem gesamten Publikum fotografieren, bevor wir mit Alix Landgriebe vom Goethe-Institut und den Musikern um 23h noch in eine extra für uns wieder aufgesperrte Pizzeria gehen.

Ständiger Begleiter während unserer Woche in Algerien ist das WM Qualifikationsspiel Algerien - Ägypten, daß das Land schon im Vorfeld eine Woche lang in einen Ausnahmezustand versetzt, umsomehr als die Algerischen Spieler in Ägypten angegriffen werden.
Als wir Samstag Abend in Berlin landen, geht es mit den Plattenkisten weiter in den Club. Dort sind wir zwar ein bisschen überfordert vom Kontrast zu den Tagen in Algerien, aber wir wissen auch viel stärker zu schätzen, was für ein tolles und freies Leben wir in Berlin haben!
Wie das Spiel Algerien / Ägypten denn nun ausgegangen ist, weiss kein Berliner, nur das es Ausschreitungen gab. Zurück zuhause gegoogelt…

1:0 für Algerien - zum Glück sind wir wieder im ruhigen Berlin!

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